Schauen Sie ihn nicht an – ist mir scheiß egal

am freitag brachte das elevate-festival in graz eine eigentlich sehr spannend klingende podiumsdiskussion hervor. beim orf dialogforum sollte es darum gehen, welche formate und welche strategien öffentlich-rechtlichen mehrwert für junge menschen bringen können. geladen waren monika eigensperger (fm4), wolfgang lorenz (programmdirektor orf) david schalko (sendung ohne namen, donnerstag nacht), christiane von hahn (arte tracks, zdf), karl pachner (orf.at) und heinz wittenbrink (fh joanneum).

doch letztlich ging es weniger um die zukunft. man beschäftigte sich viel mehr mit sätzen wie “früher”, “als ich noch jung war” und solchen phrasen wie “wir sind noch auf die straßen gegangen”.

gleich zu anfang fiel der 64jährige programmdirektor des orf, lorenz, auf, wie er sich darüber aufregte, dass am donnerstag lediglich magere 5 % der jungen zielgruppe den tollen “atomkraft-problematik-film” auf orf 2 geguckt haben. seine generation sei damals noch auf die straße gegangen und die heutige guckt lieber “dr. house”. glückwunsch! herr lorenz – ich kann mich übrigens auch noch daran erinnern, wie ich auf die straße gegangen bin, als der liebe herr chirac wieder atombomben auf irgendwelchen atolls zündete. aber egal, anderes thema. jetzt kam der herr direktor ja erst richtig in fahrt…

die jugend solle sich endlich davon verabschieden, dass man mit diesem internet etwas bewegen kann. seine persönliche einstellung zu “diesem internet” konkretisierte er sogar später noch. man solle aufhören, “sich ständig im internet zu verkriechen”, abzukapseln. mit blogs kann man niemanden erreichen (ich sag da nur mal als stichwort “huffington post“), auch obama hätte ohne das fernsehen keine chance gehabt. beteiligen sollte sich die jugend, zu wort melden sollte man sich. auf die frage, wie – wenn nicht über das internet – bzw. ob man ihn anrufen soll, fand er allerdings keine antwort. außer natürlich nur die wiederholung, wie sinnlos doch dieses internet sei und das es sowieso keine überlebenschance hätte. auch weigere er sich, themen von den leuten abzuholen (zum beispiel über blogs themen zu generieren) – besser gesagt: wir sollen sie doch gefälligst zu ihm bringen. auf die einwürfe, dass er alles dafür tut, dass die jugend nicht mehr den orf schauen will, hatte er nur eine antwort auf den “bösen” jugendlichen: “schauen sie sich ihn nicht an, es mir scheiß egal!” er fügte zwar noch hinzu, dass er ihn persönlich meinte, aber wenn ihm ein zuschauer egal ist, dann interessieren ihn die anderen ja wohl auch nicht. ich weiß nicht, ob das die richtige einstellung für einen programmdirektor ist. (mir schnodderte er übrigens auch das gleiche entgegen)
auch der chef von orf online, pachner, sprang auf die seite seines fernsehkollegen. “tv ist noch das leitmedium” – richtig NOCH, aber wird es auch so bleiben? und vor allem, wird es so bleiben, wenn diese verknocherten und versteiften herren in der chefredaktion sitzen?

noch mal zurück zur ausgangsfrage: wie kann man öffentlich-rechtlichen mehrwert für junge schaffen? schalko hatte eher ungewollt eigentlich einen sehr guten ansatz. er berichtete darüber, warum donnerstag nacht u.ä. formate inzwischen so gut laufen. das umfeld müsse einfach stimmen, “60jährige können kein programm für 16jährige machen”.

vielleicht sollte der orf mal darüber nachdenken? nein, ich bin jetzt nicht so radikal, zu sagen, dass man die komplette orf-chefetage austauschen soll. schließlich besteht österreich ja nur aus einem drittel junger leute (laut pachner) und das orf soll ja ein programm für ALLE sein. aber vielleicht sollte man darüber nachdenken den einen oder anderen der alte-herren-riege gegen einen jüngeren auszutauschen. auch mal auf die jungen hören, sich nicht nur in seinen fernseher verkriechen und sagen: fernsehen wird es auch noch in hundert jahren geben und die jugend von heute wird auch wieder zum fernsehen zurückfinden, ganz von allein – weil alles so toll ist!

ich verkriech mich jetzt mal wieder in diesem internet – so lang es noch da ist! ;)
ach ja – falls jetzt jemand meint, er hätte was verpasst… eigentlich nicht. das eigentliche thema wurde nur ganz leicht angeschnitten – aber wirklich darüber diskutiert wurde nicht… leider!

schneeengels song des tages: marilyn manson, “kill your god – kill your tv” (wenn sie so weiter machen, machen sie’s sogar ganz von allein – die herren vom orf)

update:

richards fotostream zum dialogforum

chilli.cc über das dialogforum mit lorenz

datenschmutz übers elevate und lorenz

maresa übers dialogforum

scheissinternet.at – eine sammlung aller tweets #anlorenz

das lied zum lorenz

facebook-gruppe “I love lorenz”

digiom über die mikrorevolte gegen lorenz

heinz über die verlinkte öffentlichkeit

diepresse.at über das dialogforum

interview mit lorenz vom standard (10.11.)

ernst schmiederer – lorenz ist jetzt richtig berühmt

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12 Responses to “Schauen Sie ihn nicht an – ist mir scheiß egal”

  1. [...] Der Schneeengel bringt zumindest eine ausführlichere Darstellung. [...]

  2. Felis_World says:

    Nee, ist klar… Ich glaube, “dieses Internet” ist auch nur so eine Art Modeerscheinung…
    Unglaublich…

  3. [...] ..Home « Schauen Sie ihn nicht an – ist mir scheiß egal [...]

  4. [...] wie der programmdirektor des orf, wolfgang lorenz, aus der nummer wieder rauskommt, darauf bin ich jetzt wirklich gespannt. augenzeugenberichte gibt es hier, hier und hier. [...]

  5. Oliver says:

    Ich bin entsetzt. Wie man als Programmdirektor so brutal kurzsichtig sein kann. Irgendwie erinnert es mich ein bisschen an die damalige Situation mit »Blogs sind die Klowände des Internets« bei Jung van Matt. So einen Ausrutscher darf man sich nicht leisten. Aber wenigstens spiegelt der Webauftritt des ORF genau diese Einstellung wider – eine Seite, die seit über 10 Jahren ohne strukturelle Neugestaltung und -konzipierung dahindumpelt. Mir bleibt die Hoffnung, dass der ORF auch mal was zeitgemäßes mit dem Internet anstellt. Die ondemand-Beiträge bei den Nationalratswahlen fand ich ja schon ganz fein. Müsste sich nur als Regel durchsetzen.

  6. [...] ChiLLi.cc, Sebastian Bauer (Augenzeuge), Schneeengel.de, ScheissInternet.at (Tweetsammlung) [...]

  7. [...] Ich war zwar (leider) nicht anwesend aber es gibt genug Leute die darüber berichtet haben. [...]

  8. [...] seit heute morgen ist superinternet.at online: “eine initiative um ideen und konzepte zur netz-zukunft des orf” zu finden. initiiert von daniel erlacher vom elevate in graz und heinz wittenbrink (lehrender fh joanneum), umgesetzt mit hilfe von studenten der fh joanneum. entstanden ist das ganze projekt aufgrund der inzwischen schon viel diskutierten aussagen des orf-programmdirektors wolfgang lorenz beim elevate-festival in graz. [...]

  9. [...] in der Blogosphäre eine Diskussion über den ORF und das Internet entstanden (1 2 3 4 5 6 7 8 …). Soweit ich die Diskussion mitbekommen habe, geht es vor allem darum wie sich der ORFZukunft im Internet geben soll, bzw. das “junge Publikum”6 einbindet. Ist mir ehrlich gesagt vollkommen egal. Der ORF hat mich bereits verloren und wird nichtzurückbekommen. Warum auch? Immer mehr Contentlieferanten werden erkennen, dass der Weg über klassische Sendeanstalten nicht mehr zum Erfolg führt. Monty Python macht es vor. Sie geben ihr gesamtes Material in hoher Qualität, katalogisiert und getaggt auf YouTube. Warum sollte ich dann noch auf den ORF warten, dass er sich irgendwann erbarmt etwas davon spätnachts zu übertragen? South Park gibt es ebenfalls bereits komplett online. Warum ich von Liveübertragungen im ORF nur wenig halte, werde ich im letzten Abschnitt schreiben. Ich erwarte mit vom ORF also gar nicht, dass er das sendet, was mich interessiert. Was will ich dann? [...]

  10. [...] das diesjährige elevate-festival ist nun auch wieder vorbei, seit mittwoch abend wurde über die verschiedenen krisen diskutiert, musiziert, zusammengearbeitet, gefeiert und noch viel mehr. ein skandal wie letztes jahr fehlte. wahrscheinlich auch, weil seit letztem jahr die herrschaften auf dem podium etwas sensibilisierter waren, was dieses internetz angeht – und auch, was es für eine reichweite hat. vielleicht auch, weil die kontroversen diskussionen fehlten. [...]

  11. Andy2002 says:

    Solche Äusserungen eines Programmchefs im Fernsehen hätten eine
    riesige Welle verursacht. Im Internet interessiert sowas kein Schwein
    mehr.

    Die Frage nach dem “Wozu” stellt sich für mich bei dieser ganzen
    Veranstaltung. Das Internet braucht kein ORF. Es braucht auch nicht
    die geistigen Ergüsse von Radiomoderatoren oder
    Journalismuslehrstühlen.

    Mit solchen Preisen gebt ihr diesen Leuten nur eine Plattform und
    damit wieder eine Bedeutung.

    Ignoriert diese Leute einfach, je schneller diese in der Irrelevanz
    landen in der sie hingehören desto besser.

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